Klimaerwärmung und seine Auswirkungen
Vorstandsmitglied Martin Wiederkehr erörterte den Ufnauer Weinfreundinnen und Weinfreunden die Auswirkungen des Klimawandels auf den Rebbau in Europa. Anhand von Prognosen zur Temperaturentwicklung einerseits und den bekannten Wachstums- und Ertragsabhängigkeiten verschiedener Rebsorten andererseits, erläuterte er potenzielle Entwicklungen der Zukunft und zeigte Handlungsoptionen auf.
Aus Anlass des 175-jährigen Geburtsjahres von Professor Müller-Thurgau begann der Vortrag mit einem Glas des nach ihm benannten Weins. Mit dieser Rebsorte und seiner Geschichte leitete Martin in das Thema ein. Professor Müller-Thurgau war der Begründer des Weinbauzentrums in Wädenswil, in dessen Räumlichkeiten der Anlass stattfand. Er forschte sehr systematisch zu verschiedenen Aspekten des Weinbaus und später insbesondere zur Weinbereitung im Keller. Die nach ihm benannte Rebsorte züchtete er bereits als junger Forscher während seiner Tätigkeit an der deutschen Forschungsanstalt Geisenheim. Ein Exemplar des Original-Rebstocks ist beim Weinbauzentrum erhalten geblieben.
Ertragsreiche Rebsorte gesucht
Ziel war damals, in den 1880er Jahren, nach einer mehrjährigen Phase mit kühleren Temperaturen in Mitteleuropa, eine ertragreiche, ertragssichere Rebsorte für dieses Klima zu finden, die gleichzeitig eine gute Grundlage für einen geschmackvollen Wein bietet. In vielen systematischen Kreuzungsversuchen wurde die Rebsorte Müller-Thurgau als geeignet befunden. Sie wurde in der Folge zur erfolgreichsten Weisswein-Züchtung neuerer Zeit. Damals – vermutlich aufgrund einer Verwechslung oder einer Verunreinigung – als Kreuzung aus Riesling und Silvaner angegeben, wurde sie nach langjährigen Zweifeln Ende der 1990er Jahre durch genetische Untersuchungen auf Riesling x Madeleine Royal korrigiert. Heute werden andere Züchtungsziele verfolgt, wie Martin im Weiteren ausführte.
Zum besseren Verständnis holte Martin kurz über die botanische Systematik der Weinreben sowie über die Geschichte und Entwicklung des Weinbaus in Europa aus. In Europa ist der Weinbau in vielen Regionen tief in der Kultur verankert und beeinflusst sie. Anschliessend folgte eine Übersicht der Weinbauzonen in der Welt und in Europa. Ein wichtiger Einflussfaktor für den Weinbau ist die Temperatur. Pierre Huglin entwickelte für die Weinbaugebiete einen bioklimatischen Wärmeindex, bei dem die Temperatursumme über der Temperaturschwelle von
10 °Celsius berechnet und diese von April bis September summiert wird. Diese Summe wird kurz als Huglin-Index bezeichnet. Anhand der Index-Werte einer Region können Anbauempfehlungen für die verschiedenen Rebsorten gegeben werden. Unterhalb einem Wert 1500 gilt als sehr kalt, und es gibt keine Weinbau-Empfehlung. Regionen mit 1500 bis 1600 sind geeignet unter anderem für Müller-Thurgau, 1600-1700 beispielsweise für Pinot Blanc oder Grauburgunder, Werte bis zu 2300-2400 etwa für Aramon, eine sehr alte Rebsorte. Bei höheren
Werten wird es zu heiss für Weinbau.
Zone verschiebt sich nach Norden
Auf einer Europakarte zeigte Martin die aktuellen Weinbauzonen der verschiedenen Huglin-Indexe gemittelt über die Jahre 1991-2010 auf. Aber bereits in den letzten Jahren sind Verschiebungen der Zonen in nördliche Richtung messbar. Die Auswirkungen auf die Landwirtschaft werden spürbar. Deutlichere Veränderungen werden in Prognosen von verschiedenen Forschungsinstituten sichtbar. Die Auswirkungen können je nach
Prognose in den nächsten Jahrzehnten dramatisch aussehen. Martin zeigte einige Prognosen für die Entwicklung der Huglin-Zonen in Abhängigkeit vom Klimaverlauf auf. Der Rebbau muss sich auf grössere und, im historischen Vergleich, sehr schnelle Veränderungen der regionalen Rebsorten-Tauglichkeit einstellen. In Anbetracht der Weinbauzyklen und der ‘trägen’ Akzeptanz neuer Produkte – neue regionale Rebsorten oder sogar Neuzüchtungen und damit verbundene Weine – durch den Markt stehen die Weinbauern vor grossen Herausforderungen. Nach Erfahrungen aus der Vergangenheit können von der Einführung einer neuen Rebsorte bis zur Marktakzeptanz durchaus 40 bis 50 Jahre vergehen.
Zum zweiten Wein des Abends, einem Souvignier Gris, erläuterte Martin den Wärmebedarf verschiedener Rebsorten. Bisher verläuft die Entwicklung zugunsten der Schweizer Winzer. Sie können mittlerweile immer mehr wärmeliebende und anspruchsvollere Rebsorten anbauen. Aber Vorsicht ist angebracht: das ist nur ein temporärer Vorteil, da die Entwicklung in hoher Geschwindigkeit weiterläuft. Anhand der Rebsorten-Zuordnung zum Huglin-Index lässt sich gut erkennen, dass die Rebsorten und damit der Anbau geändert werden müssen, und das in relativ kurzen Zeiträumen. Perspektivisch wird beispielsweise Cabernet Sauvignon in der Schweiz und Deutschland möglich werden. Versuchsfelder gibt es bereits.
Umdenken ist gefordert
Zusätzlich zum regionalen gemittelten Huglin-Index müssen und können weitere Einflüsse zur Reifesteuerung berücksichtigt werden, wie etwa die Hangneigung oder auch aktive Eingriffe wie zum Beispiel der Rückschnitt. Es gibt viele Möglichkeiten für Eingriffe, die der Winzer zur besseren Anpassung und für den Übergang nutzen kann. Gedanken zum Mischanbau mit anderen Pflanzen oder andere Anbauformen gehören dazu. In jedem Fall müssen die Winzer umdenken.
In der Zusammenfassung lässt sich festhalten: die Temperaturänderungen müssen aktuell noch keinen Sortenwechsel erzwingen. Aber die Änderungen werden kommen.
Es gibt viele Reaktionsmöglichkeiten für einen sanfteren Übergang. Dazu gehören auch die Auswahl der Klone und der Unterlagen oder die Kulturführung. Eine Ertragssteuerung zur Qualitätssteigerung wird notwendig werden. Die Schweiz ist überdies sehr innovativ in der Züchtung neuer Sorten.
Aber die Produktion verlagert sich bereits und schafft neue Konkurrenz: es gibt beispielsweise vermehrt Weissweine aus Polen, und der Rotweinanbau wandert nach Norden. Mit einem Glas Chardonnay als drittem Wein wurde abschliessend die Diskussion mit den Teilnehmenden und unter den Teilnehmenden eingeläutet.
Dieter Kruse