Schweizerische Vereinigung der Weinfreunde

(ANAV)

 

Dieter Kruse führt die Teilnehmer durch die portugiesischen Weine.

Grosse Vielfalt auf eher kleinem Land

Vorstandsmitglied Dieter Kruse hat die Ufnauer Weinfreunde mitgenommen auf eine Reise durch die bekanntesten Weinbauregionen Portugals. Was macht die typischen portugiesischen Weine aus? Gibt es DEN typischen portugiesischen Wein? Die Teilnehmenden konnten diese Fragen mit einigen Hinweisen zum Hintergrund an regionaltypischen Vertretern selbst probieren.

Mit einer Rebfläche von rund 200'000 Hektar ist Portugal nach Spanien, Italien und Frankreich das viertwichtigste WeinbauLand im westlichen Europa. Gemessen an der Grösse des Landes (92'391 km2) ist Portugal gar jenes Land, in dem der Weinanbau eine so zentrale Rolle spielt, wie nirgendwo sonst. Aber ausserhalb des Landes schaffen es – ausser dem bekannten Portwein – nur wenige portugiesische Weine in die Regale der Weinhändler. Warum bekommen diese Weine international erst seit kurzem mehr Aufmerksamkeit?

Nach dem Apéro mit den zwei ersten Weinen, portugiesischen Schaumweinen, gab Dieter zuerst eine Einleitung über Portugal als Land, seine Geographie, Wirtschaft und Geschichte – immer mit Hinweisen zum Weinbau.

Rebgärten gibt es im ganzen Land, zwischen dem Vinho Verde-Gebiet im nördlichsten Zipfel des Landes bis zur Algarve im Süden bestehen 14 Weinregionen mit 31 Ursprungsangaben (DOC’s) sowie 14 IGPs und Vrs (Landweine). Mit über 250 kultivierten autochthonen Rebsorten gilt Portugal auch als die Wein-Schatzkammer Europas. So vielfältig wie die Rebsorten ist auch die Landschaft: von der flachen Atlantikküste über Gebirgsregionen bis zu den trockenen Hochebenen im Hinterland.

Was macht portugiesische Weine aus?
Zur Erkundung hatte Dieter Weine aus vier + eine Regionen zusammengestellt: zuerst vier Weissweine und anschliessend vier Rotweine. Die Teilnehmer konnten diese anschliessend als Begleitung zum portugiesisch inspirierten Menü probieren.

Die vier Regionen wurden von Norden nach Süden durchlaufen:
• Vinho Verde (Rotwein: Tras Os Montes)
• Douro
• Bairrada
• Alentejo
In jedem Durchgang wurden zwei Weine serviert. Dazu hat Dieter jeweils eine Region näher vorgestellt mit Bildern und Anmerkungen zur Landschaft und zu den Eigenheiten und Herausforderungen im Weinbau. 

Reise durch vier (fünf) Weinregionen
Das Vinho Verde Gebiet ist bekannt für die gleichnamigen, oft sehr frisch und jugendlich wirkenden Weine – insbesondere Weissweine. Das Gebiet im Norden Portugals an der Atlantikküste hat ein relativ kühles und feuchtes Klima mit viel Regen im Winterhalbjahr. Die Bedingungen für Weissweine sind sehr gut. Neben leichten frischen Weissweinen werden mittlerweile auch hochwertige produziert. Es gibt auch rote Vinho Verde Weine, die bei Portugiesen beliebt sind. Für Interessierte stand eine Flasche ausserhalb des Programms zur Verfügung. Da der Geschmack sehr gewöhnungsbedürftig ist, hatte der Referent stattdessen einen anderen Wein aus der nördlichen Region Tras Os Montes (hinter den Bergen) gewählt, der vielen Teilnehmern gut gefallen hat.

Das Douro Gebiet um das stellenweise spektakuläre Douro Flusstal ist für Portwein bekannt. Die Region Porto/Douro war 1756 das weltweit erste offizielle DOC-Gebiet. Neben Portwein werden dort auch hochklassige Rot- und Weissweine produziert. Die virtuelle Weinreise führte zum Weingut Quinta do Passadouro. Dieter hatte es vor einigen Jahren besucht und konnte von den Herausforderungen berichten. Nach einem Besitzerwechsel musste das Weingut seine Produktpalette anpassen und die Vermarktung ändern. Besitzerwechsel und Nachfolgeregelungen können kleinere Weingüter vor grosse Herausforderungen stellen, auch wenn sie in Toplagen angesiedelt sind.

Ähnlich dem Vinho Verde Gebiet ist das Klima in der flachen Bairrada Region vom Einfluss des nahen Atlantiks beeinflusst. Auch wenn hier nicht so viel Regen fällt, ist das Winterhalbjahr durch hohe Luftfeuchtigkeit geprägt. Im Gegensatz zu Vinho Verde werden hier allerdings neben Weissweinen auch hochwertige Rotweine produziert. Untypisch für Portugal ist die Bairrada für reinsortige Rotweine bekannt aus der regionaltypischen Rebsorte Baga. Dieter konnte von einer Begegnung mit dem ‘Meister der Baga Traube’ berichten: dem Winzer Luis Pato. Dessen Vater war einer der Mitbegründer der Bairrada DOC. Luis Pato hat der im Aussterben begriffenen Baga Traube in den 1980er Jahren zu neuem Leben verholfen. Mit scharfer wissenschaftlicher Analyse, viel praktischer Erfahrung und konsequenter Umsetzung damals unkonventioneller Methoden konnte er die Weinqualität auf ein konkurrenzfähiges Niveau anheben und – ganz nebenbei – die Schaumweinproduktion in der Region begründen, für die die Region mittlerweile bekannt ist. Der experimentierfreudige Winzer hat sich einen Namen als Enfant Terrible des portugiesischen Weinbaus gemacht. Er ist vor geraumer Zeit bereits aus der DOC ausgetreten und hat sich dem biologischen Anbau verschrieben, allerdings ohne Zertifizierung – er möchte sich offensichtlich nicht durch zu viele Vorschriften einengen lassen. Seine Kinder sind ebenso experimentierfreudig und vermarkten erfolgreich eigene Weinkreationen.

Die letzte Station der Weinreise war das Alentejo Gebiet, das im leicht hügeligen Hinterland des südlichen Portugals liegt. Das sommerheisse und sehr trockene Klima begünstigt intensive und gehaltvolle Rotweine. Dort gedeihen die kräftigen Rotweine, die wir in Mitteleuropa von einem südlichen Land erwarten. Typische Rotweine enthalten eine Cuvée aus einerseits kräftigen und andererseits aromatischen Rebsorten, die hier im trockenen Klima voll ausreifen. Daneben werden aber auch gute Weissweine produziert. Die Herausforderungen im Weinbau liegen hier vor allem in der grossen Sommerhitze und Trockenheit.

Fazit
Was macht also die portugiesischen Weine aus? Zum Schluss wurden die Teilnehmer nach ihren Favoriten aus der Auswahl gefragt. Die Meinungen waren neinheitlich. Was bedeutet das? Die angebotenen portugiesischen Weine sind offenbar so divers wie der Geschmack der Teilnehmer. Sie sind sehr individuell und verschieden wie die vielen Regionen in Portugal und deren jeweiliges Mikroklima. Dazu kommt die überaus grosse Rebsortenvielfalt. Portugiesische Weine sind traditionell fast immer Cuvées, bis auf wenige Ausnahmen. Viele althergebrachte Methoden haben sich bis heute erhalten. Zwar wurden sie oft durch moderne Methoden verdrängt, sind aber nicht ganz ausgestorben. Einige engagierte jüngere Winzer greifen allerdings gerne darauf zurück und beleben die alten Traditionen wieder.

Diese Faktoren machen eine Gesamtsicht und eine einheitliche Beurteilung sehr schwierig. Es gibt nicht den typischen portugiesischen Wein. Portugal zeichnet sich im Gegenteil durch seine Vielfalt aus. Es gibt nur wenige grössere Produzenten. Das erschwert allerdings die Vermarktung. Andererseits findet der interessierte Weinfreund genau hier eine ungeheuer spannende Vielfalt, wenn er – oder sie – sich darauf einlässt.

Dieter Kruse