Vier Perspektiven, ein Saft
Vier Weine. Ein Saft. Pure Entdeckungsfreude. In der Wülflinger Trotte des Strickhof erlebten die Weinfreundinnen und Weinfreunde Zürcher Weinland einen Abend, der weit mehr war als eine klassische Degustation. Gastgeber Silvio Kessler öffnete nicht nur Flaschen, sondern auch ein Fenster in die Zukunft des Weinbaus.
Gleich zu Beginn wurde klar: Hier geht es um mehr als um einen gemütlichen Abend. Der Strickhof ist das landwirtschaftliche Bildungs- und Beratungszentrum des Kantons Zürich – und weit mehr als eine reine Weinbauschule. An mehreren Standorten werden Lernende in verschiedenen Berufen ausgebildet, von Landwirtschaft und Weinbau über Obstbau und Tierhaltung bis zur Lebensmitteltechnologie. Zudem engagiert sich der Strickhof in der Weiterbildung und Beratung landwirtschaftlicher Betriebe und vereint mit mehreren hundert Mitarbeitenden ein breites Fachwissen aus Lehre, Beratung und Praxis.
Die Zukunft im Blick
Im Bereich Weinbau bildet der Strickhof Lernende und Studierende in Weinbau, Kellerwirtschaft und Önologie aus. Gleichzeitig ist er ein Versuchs- und Innovationsbetrieb. Neue Rebsorten, nachhaltige Anbaumethoden und alternative Ausbauarten werden hier geprüft – praxisnah, wissenschaftlich begleitet und stets mit Blick auf die Zukunft der Branche.
Der Fachbereich wird von Silvio Kessler geprägt, der seit 2017 in der Weinbranche und seit 2022 als Betriebsleiter am Strickhof tätig ist. Er verbindet Unterricht, Praxis und Versuchswesen und begleitet Projekte rund um Rebbau und Kellerwirtschaft.
Die in der Degustation gebotene Versuchsreihe mit vier Souvignier Gris aus demselben Saft zeigte eindrucksvoll, wie stark Ausbau und Philosophie einen Wein prägen. Das war lehrreich – und auf angenehme Weise überraschend.
Perlige Assemblage
Silvio Kessler eröffnete den Abend mit dem ‘Siccus’ 2023, einem fein perlenden Riesling-Schaumwein mit frischfruchtigen Aromen und lebendiger Säure – ein animierender Start. Darauf folgte der Cuvée Blanche 2024, eine Assemblage aus Müller-Thurgau, Sauvignon Blanc und Gewürztraminer: zarte Noten von Rosenblüten und Stachelbeere, am Gaumen angenehm cremig. Begleitet von Schinkengipfeli und Käseküchlein entfalteten beide Weine ihren Charme vollends – und fanden grossen Anklang bei den Teilnehmenden.
Vor dem Nachtessen überraschte der Federweisse 2024 aus Pinot Noir mit Aromen roter Beeren und einem harmonischen Spiel von Süsse und Säure – frisch und animierend. Zum Hauptgang mit gefüllten Pouletbrüstchen, Gemüse und Kartoffelgratin wurde der Cuvée Rouge aus Pinot Noir und CAL 1-28 gereicht: beerig, fein würzig und mit kraftvollem, rundem Gaumen. Den Abschluss bildete ‘Der Neue!’ 2025, ein Pinot Noir in Macération Carbonique – duftig nach Erdbeeren, saftig und unkompliziert im Trinkfluss, der zu lebhaften Gesprächen und Vergleichen anregte.
Den Höhepunkt bildeten vier Souvignier Gris – gleicher Ursprung, gleicher Saft, aber unterschiedlicher Ausbau. Souvignier Gris ist eine pilzwiderstandsfähige Rebsorte mit grossem Potenzial für nachhaltigen Weinbau.
Nummer 1 ist trübgelb, mit dem Aroma von Apfelmost und deutlichen Oxidationsnoten. Im Gaumen flach mit dennoch präsenter Säure, noch jung und ohne Schwefel. Der Wein erinnert an leicht faulige Äpfel.
Nummer 2 ist ein zitronenfarbener Wein mit Bonbon- und grünlichen Aromen. Im Ausbau ist er klar, präzis, ausgewogen, sehr zugänglich.
Nummer 3 ist hell in der Farbe, mit einem Hauch von Banane und hoher Säure. Der Ausbau ist nach Art des Schaumweins mit spezieller Hefe, er ist lebhaft, verspielt und technisch spannend.
Nummer 4 ist trüb, sehr säurebetont mit Apfelnoten und ohne Schwefel. Es ist ein Wein im Werden.
Potenzial nicht einfach zu erkennen
Die Weinfreundinnen und -freunde durften abstimmen, nicht nach Etikette, sondern nach Eindruck. Selten wird so deutlich, wie stark Kellertechnik, Hefewahl und Schwefeleinsatz einen Wein formen. Die vier Weine regten lebhafte Diskussionen unter den Teilnehmenden an. Das Potenzial war für sie nicht sofort erkennbar, doch der Betriebsleiter erklärte, dass die Versuche viel Entwicklungsspielraum bieten.
Nach dem Dessert überraschte ein Pinot Dolce mit feiner Süsse und samtiger Textur: ein verspielter, charmanter Abschluss. Michi Rück würdigte Silvio Kessler für seinen mutigen Fokus auf Versuche, während die Präsidentin ein kleines Geschenk überreichte. Die Teilnehmenden waren begeistert von der Gelegenheit, Wein nicht nur zu verkosten, sondern als spannendes Experiment zu erleben. Der Abend zeigte: Zukunft entsteht im Glas.
Monika Di Michele