Auswirkungen des Klimawandels auf die Weinwirtschaft
Der Klimawandel wird den Weinbau verändern. Dies ist allen bewusst, die im Weinbau und der Forschung tätig sind. Viele Auswirkungen und die Massnahmen, um sich daran anzupassen oder die Auswirkungen zu minimieren, sind ungewiss. Einige Gedanken über mögliche Szenarien.
Wie sieht der Rebberg im Jahr 2080 aus? Was verändert sich in den kommenden gut 50 Jahren? Unbestritten ist: die Temperaturen werden ansteigen. Durch die Klimaerwärmung verkürzt sich die Vegetationsdauer der Reben, die Trauben werden schneller reif, die Einlagerung von Zucker erhöht sich und die für die Aromaausbildung verantwortlichen Tag-Nacht-Temperaturschwankungen entfallen bei der Ernte anfangs September. Wichtig ist also, Schatten in den Rebberg und zu den Trauben zu bringen. Die einfachste Methode dafür: mehr Blätter stehen lassen – was auch zu mehr Feuchte in der Traubenzone führt und die Pilzanfälligkeit erhöht.
Während früher die Hänge terrassiert und die Zeile quer zum Hang ausgerichtet wurden, um mehr Besonnung zu erhalten, fördert die der Hangneigung folgende Zeilenführung die gegenseitige Beschattung der Rebzeilen. Allerdings hat damit auch die Erosion ein leichteres Spiel als bei der Terrassierung. Gerade angesichts der zu erwartenden Wetterextreme mit starken Stürmen und Trockenperioden ist das ein nicht zu vernachlässigender Aspekt.
Mancherorts versucht man mit Bäumen im Rebberg Schatten zu spenden. Dies ist eine Rückbesinnung auf frühere Zeiten, als der Wein in Mischkulturen gepflanzt wurde. Allerdings hat auch dies einen Hacken: Zu Beginn sind die Bäume zu klein, um Schatten zu spenden, und irgendwann werden sie zu gross und nehmen zu viel Sonne weg.
Stromgewinnung im Rebberg
Eine weitere Möglichkeit ist die Überdachung der Reben mit Photovoltaik-Anlagen. Die Kosten dafür sind allerdings nicht zu unterschätzen. Der Bau der Anlagen ist aufwändig, weil Rebstöcke und Drähte zu berücksichtigen und stabile Fundamente notwendig sind. Ausserdem sollte der gewonnene Strom aus dem Rebberg abgeführt werden. Dazu muss die Leitung oft über die Parzellen anderer Winzer und unter Strassen hindurch verlegt werden. Dies kostet, braucht Bewilligungen und Grundbucheinträge.
Andererseits bietet Strom im Rebberg Vorteile, wie der Weinpublizist Felix Bodmann im Podcast Blindflug 177 sagt: Automatisch ausfahrbare Hagelnetze, Heizspiralen bei Spätfrost, Sprühnebel in den frühen Abendstunden, um die Temperaturen schneller zu senken, intelligente Systeme mit Kameras, um von Pilz befallene Blätter und Trauben weg zu pusten oder zu saugen, Mähroboter für die Pflege der Begrünung und Temperaturregulierung vom Boden her. Die Möglichkeiten sind vielfältig. Würde zudem der Strompreis steigen – was angesichts des riesigen Energiebedarfs für Rechenzentren, die von der Künstlichen Intelligenz benötigt werden, durchaus denkbar ist – so lohne sich die Stromproduktion im Rebberg auch dann, wenn man ihn nicht selbst verbraucht.
Doch: «Investitionen dieser Art in Hanglagen abseits regulärer Energie-Infrastruktur haben eine Grössenordnung ab 1,5 Millionen Franken aufwärts», wie der Felix Bodmann berechnete. «Das heisst, wenn du weniger als 100 Euro pro Flasche kriegst, lohnt sich das nicht. Aber für Latour, Lafitte und Co. ist das ein Klacks.»
Wirtschaftlichkeit in Frage gestellt
Wenn die klimatischen Veränderungen solche Investitionen erfordern, so bedeutet dies, dass lange bevor der Weinbau an einem Ort klimatisch unmöglich wird, er ökonomisch schwierig, respektive unrentabel wird, wie dies Dr. Manfred Stoll, Professor für allgemeinen Weinbau und Leiter des Instituts für allgemeinen und ökologischen Weinbau der Hochschule Geisenheim immer wieder betont.
Doch wann wird Weinbau klimatisch unmöglich? Hierzu gibt es etliche Klimamodelle. Etwa, dass mit wärmeren Temperaturen der Meeresspiegel ansteigt. Das hat nicht nur Auswirkungen auf Küstenstädte, die bei jedem Regen im Wasser stehen. Das Meereswasser steht auch in den Flüssen höher und mit den Gezeiten treibt Salzwasser tiefer ins Landesinnere. So würde etwa die Camarque zu einer versalzten Sumpflandschaft.
Mit höheren Temperaturen könnten grosse Teile entlang der Mittelmeerküste aufgrund der Hitze unbewohnbar werden, wie eine Studie der NASA zeigt. Grund dafür ist die sogenannte Kühlgrenztemperatur, respektive der Wet-Bulb-Temperature-Effekt. Der Stoffwechsel eines Menschen erzeugt Wärme, die über die Haut durch Verdunstung an die Umwelt abgegeben werden muss. Um die Kerntemperatur von 37° Celsius zu wahren, muss der Körper die Temperatur der Haut bei 35° Celsius oder darunter halten. Dies ist nur dann möglich, wenn die Kühlgrenztemperatur unter der Hauttemperatur liegt. Dauerhaft höhere Temperaturen führen auch bei gesunden Menschen zu Überhitzung und zum Tod. Weil die Wärmeabgabe des Menschen über die Verdunstung erfolgt, spielt auch die Luftfeuchtigkeit eine erhebliche Rolle. So sind bereits 38° Celsius in Kombination mit 85 Prozent Luftfeuchtigkeit oder 35° Celsius mit 90 Prozent Luftfeuchtigkeit tödlich für den Menschen.
Nachts im Rebberg arbeiten
Wie die Rebe reagiert, ist umstritten. Die ältere Forschung sagt, dass Rebstöcke weniger Hitze in Kombination mit Feuchte ertragen, als der Mensch. Neuere Forschungen hingegen relativieren dies, wie Felix Bodmann sagt. «Die Rebe wächst auch bei 35 Grad noch.» Sollte die Rebe tatsächlich hitzetoleranter sein als der Mensch, so würden in Hitzezonen zwar die Rebberge munter weiterwachsen, aber der Mensch schafft es nicht mehr, ihn zu pflegen. Es sei denn, er verlegt die Tätigkeiten in die Nachtstunden, wie das in wärmeren Regionen zur Erntezeit bereits heute gemacht wird. Denkbar ist auch, dass landwirtschaftliche Anbauflächen aufgrund der Hitze in gemässigtere Klimazonen verlegt werden. Damit würden in diesen Zonen die Flächen für die Landwirtschaft rar.
Allerdings gibt es auch günstigere Anpassungsmöglichkeiten an veränderte klimatische Bedingungen, etwa die Reben höher am Hang zu pflanzen, wenn Hügel und Berge vorhanden sind. Heute verhindern das teils noch regionale Vorschriften, wie etwa in der Bündner Herrschaft. Oder die Winzerinnen und Winzer weichen weiter in den Norden aus, wie dies viele Champagnerhäuser machen, die in England Weinberge anpflanzen. Allerdings sind auch dazu genügend finanzielle Polster notwendig.
Traubensorten anpassen
Aufgrund der höheren Temperaturen sind in vielen Gebieten der Welt und auch der Schweiz die aktuell angepflanzten Traubensorten nicht mehr opportun. «Der Rebbau wird sich auf einen im historischen Vergleich sehr schnellen Wandel einstellen müssen», wie Martin Wiederkehr, Präsident des Branchenverbandes Deutschschweizer Weinbau sagt. Gefragt seien einerseits in der Region noch untypische Sorten, aber auch Neuzüchtungen. Neue Rebberge werden meist für einen Zeitraum von mindestens dreissig Jahren angelegt. Neupflanzungen vor diesem Zeitablauf sind teurer. Bis Neuzüchtungen, die an die klimatischen Veränderungen angepasst sind, für den kommerziellen Rebbau erhältlich sind, dauert es im Schnitt 15 bis 25 Jahre.
Dass solche Überlegungen zur Anpassung an den Klimawandel längst nicht mehr bloss Gedankengänge einiger Pessimisten sind, zeigt die App ‘Klimaanaloge’ (Analogues climatiques – Vignes), die von der Universität Genf gemeinsam mit Agroscope entwickelt wurde. Damit kann der Winzer aus der Region Mont-Vully sehen, dass im Jahr 2080 die klimatischen Bedingungen wohl ungefähr den heutigen Bedingungen im kroatischen Istrien entsprechen, und sich überlegen, welche Rebsorten er für seine Nachkommen wohl anpflanzen sollte.
Konsumenten passen sich langsam an
Gleichzeitig verhalten sich die Weinkonsumenten bezüglich der Akzeptanz neuer Rebsorten ausserordentlich träge. «Bis neue Sorten, wie beispielsweise pilzwiderstandsfähige Sorten, die extreme klimatische Bedingungen besser ertragen, vom Markt akzeptiert werden, vergehen durchaus 40 bis 50 Jahre», gibt Martin Wiederkehr seine Erfahrungen weiter.
Angesichts dieser klimatischen Herausforderungen, gepaart mit dem seit einigen Jahren massiv sinkenden Weinkonsum, mag sich mancher Weinproduzierende ernsthaft damit beschäftigen, Rebflächen zu roden, sie mindestens zehn Jahre nicht mehr mit Reben zu bepflanzen und dafür eine Rodungsprämie einzukassieren, wie sie der Bund für die Jahre 2026/27 beschlossen hat. Für Martin Wiederkehr gäbe es zu den Rodungsprämien Alternativen: «Das Geld des Bundes könnte auch für die Forschung und in langfristige und innovative Projekte gesteckt werden. Beispielsweise würden gesamtschweizerisch verteilte Meteo-Stationen genauere Daten liefern, aufgrund derer die Winzerinnen und Winzer den Pflanzenschutz genauer dosieren könnten. Dies spart nicht nur Geld, sondern hilft auch der Umwelt.» Überdies könnten die Daten auch in die oben erwähnte App einfliessen und damit genauere Vorhersagen und Entscheidungshilfen für die Weinproduzierenden liefern.
Sicher ist: der Weinbau ist nicht erst in den nächsten 50 Jahren, sondern bereits die nächsten zehn Jahre starken Veränderungen ausgesetzt. Der Druck beschränkt sich nicht auf die Klimaerwärmung, sondern verstärkt sich durch die Marktentwicklung und das Konsumentenverhalten. Die Weinproduzierenden werden sich mit den Anforderungen entwickeln und verändern müssen.
chp
Quellen im Web:
- NASA-Studie (www.nasa.gov in Englisch)
- Kühlgrenztemperatur (www.wikipedia.org in Deutsch)
- Ist unsere Hitzetoleranz geringer als gedacht? (www.scinexx.de in Deutsch)